Gemeinde Osterburken (Druckversion)
Autor: Elena Hausch
Artikel vom 07.04.2022

Für viele leidgeprüfte Menschen wurde Osterburken das Tor zur Freiheit

Stimmungsvolle Gedenkfeier erinnerte an den KZ-Zug, der vor 77 Jahren im Bauland hielt - Würdevoll und melancholisch

Eindrucksvoll, würdevoll, ehrenvoll - so präsentierte sich das Gedenken an die Ereignisse vor 77 Jahren zwischen Adelsheim und Osterburken unter dem Thema „Der KZ-Zug: Ende und Aufbruch.“

Man hätte am Samstag eine Stecknadel fallen hören können im voll besetzten Marc-Aurel-Saal des Osterburkener Römermuseums. Ergriffen und mit allen Sinnen nahmen die Anwesenden die Eindrücke der gelungenen Gedenkveranstaltung auf: die langsam wechselnden unaufdringlichen Fotografien von Bahngleisen, offenen Waggons oder hageren Männern in gestreiften KZ-Uniformen, die Kunstwerke zum Kreuzessymbol an den Wänden, die melancholischen Klarinettenklänge, die Zeitzeugenberichte, gelesen von Mitgliedern der Vorbereitungsgruppe. Sicherlich spielte auch der Ukraine-Krieg mit all seinem Grauen aktuell eine nicht unerhebliche Rolle.

Bürgermeister Jürgen Galm freute sich, dass alle Generationen, insbesondere viele junge Menschen der Einladung der kirchlichen und weltlichen Gemeinden von Osterburken und Adelsheim gefolgt seien, um der Ereignisse zu Ostern vor 77 Jahren, „vor allem der Menschen und ihrer Schicksale zu gedenken.“ Coronabedingt wurde die zum 75. Jahrestag geplante Veranstaltung um zwei Jahre verschoben.

Was war damals geschehen? Die ersten Apriltage 1945 waren voller Dramatik, Züge mit Menschen und Material passierten den Bahnhof. Die Frontlinie zwischen kämpfenden US-Truppen und der Wehrmacht verlief zeitweise im Bauland. Im letzten Güterzug aus offenen Waggons, eingetroffen am Karsamstag, 31. März 1945, „der sein Ziel Dachau zum Glück nie erreichte“, befanden sich rund 900 schwerkranke Häftlinge aus den KZ-Außenlagern um Neckarelz. Nach vier Tagen leidvollen Ausharrens im freien Gelände zwischen Osterburken und Adelsheim konnten diese befreit und von den Bewohnern Osterburkens versorgt werden. Osterburken sei für diese leidgeprüften Menschen das Tor zur Freiheit geworden. „Dieser Zug gehört zur Geschichte unserer Stadt“, verdeutlichte Galm.

Leider durchschritten nicht alle dieses „Tor zur Freiheit“. Etliche fielen den menschenunwürdigen Bedingungen sowie den Folgen dieses Transports zum Opfer. So erinnerte Heide Lochmann, stellvertretende Bürgermeisterin von Adelsheim an die während des Ausharrens verstorbenen Häftlinge, die von ihren Kameraden in der Nähe des Zuges beigesetzt und deren zwei auf den Adelsheimer Friedhof umgebettet wurden. Eine Gedenktafel mit der Inschrift „Opfer des Faschismus“ ehre ihr Andenken.

Stellvertretend für die vielen inhaftierten Menschen aus über 25 Nationen wurden drei ausgewählt, deren Berichte von den Herren Dr. Scheuerbrandt, Wolf, Thaler, Pohl sowie von Dorothee Roos ausdrucksstark vorgetragen wurden und so die äußeren Umstände, die Verzweiflung, Ängste und das Grauen nahezu erlebbar machten. „Nichts erinnerte mehr daran, dass wir überhaupt Personen waren“, schrieb einer der Häftlinge, dessen „Mut zerfaserte“ und der immer mehr von „Trübseligkeit umfangen“ wurde.

Zeitzeugenberichte wie diese sammelte der Osterburkener Museumsleiter Dr. Jörg Scheuerbrandt in seinem Buch „Der KZ-Zug - Ende und Aufbruch“, das die Stadt als Material- und Quellenband herausgibt. Es vereinigt Texte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Amerikanische und deutsche Militärs kommen darin ebenso zu Wort wie überlebende KZ-Häftlinge und Bürger Osterburkens. Auf eine Auswertung sei bewusst verzichtet worden, der Leser solle sich ein eigenes Bild machen. „So wird er selbst zum Historiker.“ Museumsleiter Scheuerbrandt hegte den Wunsch, dass sich möglichst viele auf diese Berichte einlassen, dann „versteht man glasklar den Wert des Rechtsstaats, der jedem seine Menschenwürde garantiert“.

Eindringliche Worte, wie zerbrechlich diese Freiheit und die zivile Gesellschaft sei, fand auch Landrat Dr. Achim Brötel. Das Grundgesetz garantiere Rechte, für die Werte indessen seien wir selbst verantwortlich. Wer zu offenkundigen Grenzüberschreitungen schweige, ohne sich zu distanzieren, mache sich mitschuldig. „Für unsere Vergangenheit sind wir nicht verantwortlich, für den Umgang mit ihr schon“, mahnte er. Daher sei dies ein guter Tag, denn man höre die Botschaft des vor vielen Jahren zum Stehen gekommenen Zuges. Und so sei es der Auftrag aller, das Glück von Freiheit, Demokratie und Frieden auch für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Mit Blumen in der Hand machten sich die Versammelten auf den Weg zum Gedenkstein im Bürgerpark, wo nach einem geistlichen Impuls der beiden Pfarrer Thomas Kuhn und Thomas Schnücker sowie einem gemeinsamen Gebet mit der Niederlegung der Blumen die würdige, musikalisch von Miriam Hettinger gestaltete, Gedenkfeier endete.

 

Herzlicher Dank

Die Gedenkfeier aus Anlass der Ereignisse kurz vor Ende des Weltkrieges an Ostern 1945 am vergangenen Samstag war eine  ansprechende und würdevolle Veranstaltung. Dafür sage ich allen Beteiligten, die dazu beigetragen haben, nochmals einen ganz herzlichen Dank.

Dieser Dank gilt insbesondere dem gesamten Vorbereitungsteam um Pfarrer i.R. Kurt Wolf, der KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V., Museumsleiter Dr. Jörg Scheuerbrandt, den SprecherInnen, den Pfarrern Thomas Kuhn und Thomas Schnücker, Landrat Dr. Brötel, der Musikerin Miriam Hettinger und allen HelferInnen, die sich rund um die Feier in vielfältiger Weise eingebracht haben.

Ein Dankeschön gilt aber auch den zahlreichen Gästen, die mit ihrer Anwesenheit im Römermuseum und dem Gang zum Grabmal im Bürgerpark „Alter Friedhof“ Anteil am Gedenken und der Erinnerung genommen haben. 

Herzlichst Ihr

Jürgen Galm
Bürgermeister

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